The Prepared Piano

Hauschka @HBC Berlin

Ich vermute, dass an isländischen Schulen die Lehrerschaft zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Elfen besteht. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass alle Isländer, die man kennt (Björk, Sigur Rós, Amiina, Emiliana Torrini, Múm. Mehr gibts nicht) so geheimnisvoll verhuscht wirken. Ganz so als würden sie von Kindesbeinen an gelehrt werden, in einer anderen Realität zu existieren, die mit der unsrigen, der mitteleuropäischen nur wenig verbindet. Das schüchterne Flüstern der Cellistin Hildur Gudnadottir (auch bei Múm aktiv) und ihre märchenhaft schöne Musik zu Beginn des heutigen Abends im .HBC unternahmen zumindest keine großen Anstrengungen, um diese Hypothese zu widerlegen.

Ein paar Elfen saßen wahrscheinlich auch in Hauschkas Flügel (oben im Bild). Denn der klang bisweilen wie ein Zimmer voller Spieluhren. Später behauptete Hauschka, dass er sich einiger Effektgeräte bedient habe, um seinem Pianospiel einen „physical aspect“ hinzuzufügen. Ob Effektgeräte oder Elfen: Sicher ist, mit geschickt eingesetzten Loops entstand bisweilen eine beinahe technoide Rhythmik.

Mehr über seine Arbeit erfahren Sie zum Beispiel hier:

How much material is contained in a tone? from realiction on Vimeo.

transmediale.10 – Impressionen

Mein erster Tag im Haus der Kulturen der Welt (zu Beginn der Transmediale-Woche lag ich krank im Bett, damn) brachte ne Menge Input.

Conrad Wolfram, Mitbegründer der Google-Konkurrenz Wolfram Alpha, nutzte seine Keynote-Rede zu dem großen Thema „Ideologies and Futures of the Internet„, um sein Baby Wolfram Alpha ausführlich vorzustellen, verknüpfte die Eigen-PR aber mit schlauen Bemerkungen zur Organisation von Wissen. Denn jetzt, wo jede denkbare Information quasi frei zugänglich ist, sind wir gefordert. Fazit: Wir müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen.

Wolfram Alpha wartet nur darauf. Ich hab vorher mal ein wenig damit rumgespielt. In manchen Bereichen weiß die Suchmaschine immer noch erschreckend wenig, ist aber immer dann stark, wenn es um die Verknüpfung und Darstellung von Fakten geht. Beispiel: Die einfache Suche „google vs. yahoo“ listet nicht nur diverse Kennzahlen auf, sondern liefert gleich auch ein Schaubild, das viel über den Erfolg der einen und Misserfolg der anderen Company aussagt:

googlevsyahoo

Auch gut: Das von der Kenianerin Juliana Rotich, Blogger & Digital Activist, vorgestellte Projekt Africa Knows. Nichts weniger als ein „Re-branding of Africa“ haben sich die Initiatoren auf die Fahnen geschrieben. Sie wollen der Welt ein anderes Gesicht des Kontinents zeigen, als jenes, das unsere Nachrichtensendungen bestimmt. Ein Afrika jenseits von Katastrophen und Kriegen. Bilder aus Ecken abseits der Touristen-Trampelpfade. Also einfach: Afrika aus Sicht der Afrikaner.

Ein weiteres Highlight: Futura Obscura, eine Ausstellung mit „artworks that use the materials, mechanisms and machines of image-making to illuminate and define our relationship with atemporality – the collision of past, present and future.“ Das führt zu einem data.tron mit Nachrichten direkt aus der Matrix, einer elektronischen Camera Obscura oder Robotern auf Paparazzi-Mission. Zu Gunsten der Erdbebenopfer von Haiti wurde die Ausstellung um zwei Tage – bis zum 9. Februar – verlängert!

Mehr geht nicht

Letzte Woche Fashion Week-Wahnsinn und Bread & Butter, bald schon Berlinale. Doch dazwischen haben sich noch ein paar andere Veranstaltungen geschoben, die ich auf keinen Fall verpassen will: Transmediale, Club Transmediale und Social Media Week. Wie ich all die Vorträge, Performances, Ausstellungen und Konzerte, die mich interessieren, in meinem Kalender unterbringen werde, weiß ich zwar noch nicht, aber so viel ist sicher: Heute geht der Spaß los. Der elfte Club Transmediale („Berlin’s unique Festival for Adventurous Music and Related Visual Arts“) startet mit einer ausverkauften Opening Night im HAU 2 im Hebbel am Ufer. Jacob Kirkegaard, Transforma oder Hiroaki Umeda treten auf. Morgen öffnet das WMF alle Floors für Mount Sims, Hot-Chip-DJs, Glass Candy und viele mehr. Und das ist nur das Night Programm… Ab Dienstag setzt sich dann die Transmediale bis einschließlich 7. Februar mit ihrem ungeduldig vorwärtsgerichteten Motto „Futurity Now!“ auseinander. Während die Social Media Week nächste Woche auch in ganz Berlin zu Panels und Workshops einlädt. Wer sich also ein wenig für eher experimentelle, teilweise aber doch ganz schön poppige, Musik, Visual Arts, (Social) Media und die vielen Schnittstellen der verschiedenen Disziplinen interessiert, dem steht eine ereignisreiche Woche bevor. Yeah.


Eröffnungskonzert Club Transmediale 09

Wolfgang Voigt brachte vergangenen Donnerstag in der Volksbühne sein viel gelobtes Ambient-Projekt „GAS“ auf die Bühne – ursprünglich eine vier CDs umfassende Serie, von der De:Bug sehr treffend als „Meilensteine des kreativen Rauschens bei gelegentlichem Geradeaus-Beat“ beschrieben. Und da stand er dann ziemlich bewegungslos hinter seinem Laptop. Das Publikum in dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal hörte gebannt zu. Kein ständiges Kommen und Gehen in Clubbing-Atmosphäre wie bei Squarepusher vor einigen Wochen an gleicher Stelle. Andächtige Stille, eine beinahe sakrale Atmosphäre, während auf der Leinwand über der Bühne verfremdete Voigt’sche Naturfotografien im Zeitlupentempo vorüberzogen. Große Kunst, mehr E- als U-Musik. Doch eine Frage drängte sich in diesem Setting auf, in dem die Person Wolfgang Voigt himself – überspitzt dargestellt – lediglich den Blick auf die Visuals verstellte. Eine Frage, die in Verbindung mit live performter elektronischer Musik immer wieder aufgeworfen wird. Ist die Anwesenheit des Autors, des Künstlers überhaupt noch vonnöten?

Die Antwort: Unbedingt! Wenn der Künstler so offensichtlich den Applaus genießt wie dieser kleine Sonnenkönig des Kölner Kompakt-Imperiums, als nach einem schön herausgearbeiteten Climax am Ende der besinnlichen eineinhalb Stunden das Licht anging. Wenn sich einer in seinem schwarzen Anzug und weißen Kragen mit einer solchen Hingabe als der Hohepriester des Ambient/Minimal feiern lässt, dann muss der einfach auf die Bühne. Denn in solchen Momenten offenbart der Künstler mehr von sich als in vielen Interviews.

Gas – Untitled (Zauberberg – #1)