King For A Night… Cool For A Lifetime

Gestern erschienen zwei erwähnenswerte Alben: „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ von Kanye West und „King Night“ von Salem.

Kanye West, der wie ein Phoenix aus der Asche auferstandene, in den letzten Jahren oftmals etwas ziellos von einer Peinlichkeit in die nächste taumelnde Superstar, hat sich auf seinen Größenwahn besonnen und ein Werk abgeliefert, das in seiner schieren Opulenz fast schon beängstigend wirkt. HipHop hat mittlerweile eine ähnliche Evolutionsstufe erreicht wie Rock irgendwann Anfang der 70er-Jahre. Musikalisch wurde schon alles ausprobiert, alle Botschaften etliche Male gerappt, also suchen die Akteure neue Herausforderungen auf anderen Ebenen: Produktion oder Konzeption. Kanye geht beide an und macht aus „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ein absurd überdimensioniertes Werk, das mehr mit einem Andrew-Lloyd-Webber-Musical gemein hat als mit good old Rap, dem einstigen Sprachrohr der Straße.

Der Prog-Rocker des HipHop, wenn man so will. Oder Prog-Rap, der alles und jeden in sich aufsaugt: schichtenweise Streicher, lange Gitarren-Soli, Samples (auch aus der genannten Epoche des Rock), einen Chor mit u. a. Rihanna, Alicia Keys, Fergie, ein Rap-Ensemble mit u. a. Raekwon, Kid Cudi, Jay-Z, The RZA, dazu John Legend, Bon Iver (!), Elton John (!!) und sicher noch zwei bis drei Dutzend weitere Superstars, die sich auf diesem trotzdem so verdammt guten Album tummeln. Für alle Fans von „808s & Heartbreak“ kramt er gegen Ende auch noch mal Autotune raus. Muss man sich noch einige Male anhören, um alle Details zu entschlüsseln, dieses in keiner Sekunde vernünftige, stets im Überfluss schwelgende Album (wie viele Millionen US-Dollar die Produktion wohl verschlungen haben mag?). Doch so viel ist sicher: Kanye ist zurück.

UPDATE: Jemand hat sich die Mühe gemacht und alle Samples des Albums aufgelistet.

In einer etwas anderen Galaxie leben:

Salem.Die haben sich zwar ihre Beats beim HipHop geborgt, doch was für Kanye Pomp und Überfluss, ist für den US-Act die Verlangsamung und das Verdichten unter Einsatz psychedelischer Mittel. Salem sind so offensichtlich und offensiv auf der düsteren Seite der Popkultur zu Hause wie nur wenige Acts im Bereich überwiegend elektronischer Musik. Manche nennen diesen Sound Witch House oder Witch Hop, Zombie Rave, Cave Crunk, Rape Gaze, Electronic Goth oder einfach Drag. Müsste man das Album mit nur drei Adjektiven beschreiben, dann kämen sinister, brutal und spooky sicher in die engere Auswahl. Oder weird, rough und mystisch. An diesem Image stricken Salem selber fleißig mit, verbreiten Videos, in denen Lead-Sänger Jack Donoghue dabei zu sehen ist, wie er einen halbnackten jungen Mann bis zur Besinnungslosigkeit würgt. John Holland erzählt in Interviews ausführlich von seiner Vergangenheit als Crack Head und Callboy.

Doch Salems Debütalbum „King Night“ erscheint nicht auf irgendeinem edgy Indie Label sondern bei Sony Music. Warum das denn?

Weil die zehn Tracks von „King Night“ echte Hits sind. Düster wie die Darkrooms im Berghain, aber eben auch von einer faszinierend morbiden Schönheit. Die runtergepitchten Stimmen werden von chopped & screwed Beats minutenlang mitgeschleift, verwunschene Backing Vocals dringen aus der Ferne durch Synthie-Wände, die sich hoch und gewaltig auftürmen wie Wellen eines in Zeitlupe herandonnernden Tsunamis. Gleichzeitig aber bewahrt sich dieser Musik gewordene Alptraum eine majestätische Lo-Fi-Schönheit und bei aller Weirdness eine Erhabenheit, als würden über Gotham City gleich die dicken, Blitze speienden Gewitterwolken aufreißen und die Sonne in die tiefen Straßenschluchten scheinen. Diese Hoffnung wird im Laufe der gesamten 40 Minuten nie eingelöst, schwingt aber immer mit. G-R-O-S-S-A-R-T-I-G! Produziert hat übrigens Dave Sardy (Barkmarket, Helmet, Slayer u. v. a.).

Apparat – DJ-Kicks

Sascha Ring liefert genau den Mix ab, den ich erwartet hatte. Aber eben perfekt umgesetzt. Und so berechenbar wie man meint, dass es werden könnte, wenn man die Tracklist liest, ist das Album dann doch nicht. Klar, von Telefon Tel Aviv über Pantha Du Prince und Oval bis zu Thom Yorke sind alle wichtigen Electronica-Feingeister dabei. Doch das bestens ausbalancierte Set verliert sich nicht in verkopften Frickeleien, sondern verweilt immer in der Nähe des Dancefloors, pumpt ordentlich los, erkundet die Weite flächiger Sounds, streift Dubstep, wendet sich Ambienteskem zu und bleibt trotzdem meistens clubbig. Nach all den Jahren als Mitbegründer von Shitkatapult, Collabos mit Ellen Allien und Modeselektor bringt Ring genug Erfahrung mit, um sich auf der Suche nach interessanten Songs und Sounds auch mal auf einen simplen Track einzulassen, der mehr oder weniger nur von einer kräftig kickenden Bassdrum lebt.

Super aufgebaut, prima Flow und noch dazu ein exklusiver Apparat-Track („Sayulita“ – hier zum freien Download). Bester Track des Albums: der Four-Tet-Remix von Born Ruffians „I Need A Life“.

Eine Heftkritik

Die Redaktion des UM{LAUT} magazins fragt mich nach meiner Meinung. Bitteschön, können sie haben:

Bevor mich die Redaktion per Mail kontaktierte, hatte ich von der Zeitschrift noch nie gehört. Das könnte daran liegen, dass das vierteljährlich erscheinende Mag offensichtlich mehr so ein Liebhaberprojekt ist und pekuniäre Interessen kaum im Mittelpunkt stehen. Anzeigen findet man nur auf zwei Seiten – und auch nicht unbedingt von den Kunden mit den dicken Werbe-Etats (ein Second-Hand-Shop, eine Galerie). Der auf dem Cover abgedruckte Barcode ist keiner:

Auf einen professionellen Vertrieb scheinen die Kölner also nicht zu setzen. Nein, vielmehr deutet alles darauf hin, dass die viel beschworene Lust am Blattmachen die Triebfeder des Projekts ist. Da muss dann natürlich auch die Aufmachung stimmen: Der Titel in Hochglanzoptik, Klebebindung und die gut 40 Seiten gestrichenes Papier vermitteln den Eindruck, dass es hier jemand ernst meint, weil billig ist das nicht.

Doch womit beschäftigt sich denn dieses Mag? Ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis reicht aus, um die Frage zu beantworten: mit Kunst, aufgeteilt in die drei Bereiche „Lyrik“, „Prosa“ und „Fotografie, Malerei, Zeitgenössische Kunst“. Sehr textlastig also und damit eine smarte Alternative zu den zahlreichen buchdicken Zeitschriften, deren Kunstverständnis sich in mehr oder wenig gut fotografierten Modestrecken erschöpft. Hier überzeugt der Mix aus Wort und Bild.

Meistens. In solchen Hochglanz-Fanzines finden sich aber immer einige bedeutungsschwangere Gedichtchen. Ein ehernes Gesetz, das nicht gebrochen werden darf. Während des Prozesses des Erwachsenwerdens müssen immer irgendwelche halbwegs eloquenten Mittzwanziger in ihrer Quarterlife Crisis sich selbst so wichtig nehmen, dass sie denken, ihre kleinen Identitäts- und Beziehungsprobleme seien in einen größeren Zusammenhang zu setzen und interessierten deshalb weitere Leserkreise. Das stimmt zwar nicht, gehört aber zum Literatentum wie die Pickel zur Pubertät. Auch das Umlaut-Magazin tappt in diese Falle. Ein (allerdings kleiner) Teil der Texte widmet sich diesem eitlen Gejammere und Geplaudere mit viel Ornament und wenig Substanz, obschon die Autoren (Alexander Weinstock, Johann Reisser, Roman Schaupp, Daniela Chana u. a.) in der Mehrzahl preisgekrönt sind oder im akademischen Betrieb ihr Können unter Beweis gestellt haben.

Am tollsten fand ich das Projekt „Botanoadopt“ von 431ART. Haike Rausch und Torsten Grosch vermitteln Pflanzen zur Adoption und dokumentieren das in schlichten Fotos. Da drücke ich doch mal auf den nicht vorhandenen „Gefällt mir“-Button. Street Art mit Schablone und Mischtechnik (von fancyroom) kennt man, sieht hier aber trotzdem schön aus.

Die Fotostrecken sind nice. Wichtiges Element: Kurze Interviews mit den Fotografen oder Künstlern liefern genau so viel Erhellendes zu den Projekten, dass der Betrachter sich nicht ins Leere bzw. Ungewisse laufenden Mutmaßungen hingeben muss.

Insgesamt also ein charmantes Mag, dessen Macher sich sicher sehr über Käufer freuen, damit irgendwann mal wieder eine schwarze Null auf dem Kontosauszug steht. Fünf Euro kostet diese Ausgabe, die achte übrigens. Zu bestellen ist sie da.

Tiefschwarz – Chocolate

Feiern können sie ja, der Ali und der kleine Basti. Zuerst bescherten die Gebrüder Schwarz ihrer Heimatstadt Stuttgart mit dem On-U einen Club, von dem die Alten noch heute schwärmen, später folgte das Red Dog. Dann veröffentlichten sie als Tiefschwarz ein paar Alben und viele Maxis und Remixes, hatten internationalen Erfolg und verabschiedeten sich – im WM-Jahr 2002 muss es gewesen sein – mit einer ziemlich dekadent ausufernden Party im Haus irgendeiner Burschenschaft von Stuttgart, zogen wie so viele Schwaben vor und nach ihnen nach Berlin.

Das erste Artist-Album seit „Eat Books“ (mit den Über-Tracks „Wait & See“ und „Issst“) braucht ein paar Momente, bis es in die Puschen kommt. Die ersten Tracks kann man guten Gewissens überspringen. In „Home“ legt ein Daniel Wilde so viel Sentiment in seinen Gesang, dass man ihm zurufen mag: „Das wird schon wieder!“ Erst ab „I Can Resist“ (mit Dave Aju), dem sechsten Tune nimmt das Album an Fahrt auf, kommt zur Deepness auch so was wie Hit-Potenzial. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Die Beats sind durchweg super geschmeidig produziert. Aber es reicht halt nicht, zu okayen Beats immer nur ein Sprach-Sample zu wiederholen (wie in „Kraft“ oder „Legends“) und darüber die Melodie zu vernachlässigen bzw. zu vergessen. So entsteht bestenfalls ein nettes DJ-Tool. Von einem erfahrenen Act wie Tiefschwarz erwarte ich mehr, vor allem wenn man weiß, dass Santé die beiden während der gesamten Produktion unterstützt hat. „Trust“ (mit Seth Troxler) erfüllt die Erwartungen: Kein stumpfes Four-To-The-Floor-Geboller, eher schon gepflegte Weirdness. Spoken Word und Swing stolpern über den Dancefloor. Munteres Gepfeife („The Whistler“) oder das dramatisch-düstere „Accordage“ halten das Niveau. Schwacher Start, gute zweite Halbzeit, Stimmung gut.

LCD Soundsystem – This Is Happening

James Murphy, der Auskenner, dessen lyrisches Alter Ego schon alles und jeden gesehen, gehört und erlebt hat, weiß, wie man einen sauberen Promo-Peak erzeugt: Mit einem lustig anarchischen Video zu einem größtenteils geklauten Song zum Beispiel, dazu kurze Videobotschaften aus dem Studio und natürlich flankiert von allerlei Aktivitäten auf Facebook, weil da ja eh dauernd alle rumhängen. Aber kann er auch noch relevante Musik schreiben? Wer ankündigt, das nächste Album, also dieses, sei sein letztes, der läuft Gefahr, schnell für den alternden Ex-Hipster gehalten zu werden, über den er einst sang.

„Dance Yrself Clean“ startet mit einem reduzierten Lykke-Li-„Dance Dance Dance“-Beat und sanft reinrutschendem Bass ins Album. Auf Melancholie folgt die reinigende Katharsis: Nach knapp der Hälfte des Tracks brechen die Dämme: Pegelanstieg, Synthie-Offensive und ein ruckeliger Punk-Funk-Beat, der LCD Soundsystem so treu durch das letzte Jahrzehnt begleitete. Murphy wäre hier gerne David Byrne. Das gibt seine Stimme aber leider nicht her. Den Mark E. Smith kann er besser. Zeigt er nach dem euphorischen Ausreißer a.k.a. Trinklied „Drunk Girls“ dann auch desöfteren. Dabei verweilt er allerdings viel zu sehr in dem schon mit seinem ersten Album aufgezogenen Referenzsystem (ESG, Suicide, The Fall und die 80’s). Der Durchschnitts-Rock von „All I Want“ vermengt The Strokes (schraddelig) mit Van Halen (Synthie-Fanfaren), „I Can Change“ ist ein bisschen Kraftwerk, ein bisschen Depeche Mode und ein bisschen langweilig, „Pow Pow“ erinnert an !!!.

Alles okaye Songs, aber die hat er alle schon mal mindestens genau so gut geschrieben. Hieße James Murphy Mick Jagger oder Bono, würde er wahrscheinlich noch 20 bis 40 Jahre so weitermachen. Vielleicht sind es aber gerade solche Typen, die die schlaueren Vertreter unserer Generation davon abhalten, sich einfach nur immer und immer wieder zu wiederholen. See you im Kino, Bücherregal oder sonst irgendwo, James. Du hörst genau zum richtigen Zeitpunkt auf.

Caribou – Swim

Hat Dan Snaith die komplette Musikjournaille bestochen? Die Kritiker sind sich einig wie schon lange nicht mehr. Wenn es darum geht, Caribous neues Album „Swim“ zu beschreiben, hat die Meinungsvielfalt ein Ende:

„It’s a triumph… the best new record this year“ **** Mojo
„A Stroke of genius.. Sure to send anyone into a miraculous state of euphoria“ 4.5/5 The Fly
„As mesmerising as it is innovative“ **** Q
„Astounding“ 10/10, Loud & Quiet
„A genuine pioneer“ ARTROCKER

Da hört man dann doch mal genauer hin. Was zuerst auffällt: Echte Hits fehlen. Dafür verstecken sich in den polyrhythmischen Konstrukten etliche poppige Momente. Um vertrackte psychedelische Beat-Monster schlingen sich pulsierende Flächen, verführerisch süßer Gesang, schiefes Geflöte und gerne noch weiteres Geklöppel und Geklingel. Das ist natürlich interessant für alle, die sich mit zu Offensichtlichem schnell langweilen, also alle Kritiker, die schon von Berufs wegen immer auf der Suche nach Neuem, Aufregendem sind. Musik, die Sehnsüchte weckt. Ein Album für alle, die sich nicht mit dem Nahe liegenden zufrieden geben, sondern lieber noch mal nachschauen, was hinter der nächsten Ecke, nach dem kurzen Glück einer langen Nacht oder auf einer anderen Bewusstseinsebene noch alles passieren könnte. Um es auf eine griffige Formel zu bringen: „Swim“ klingt wie die Kings of Convenience (nicht The Whitest Boy Alive!) unter LSD-Einfluss auf Ibiza. Wer sucht, findet Überschneidungen mit Hot Chip (bevor sie so klebrig poppig geworden sind), Delphic, Antony Hegarty oder Joanna Newsom. Ein Album für den verspulten Sommernachts-Rave oder das Magic-Mushroom-Candlelight-Dinner. Ein hedonistisches Verweilen im und genussvolles Auskosten des Augenblicks, Club-Musik für das kleine Kammerorchester mit allerlei Instrumenten aus dem Kinderzimmer. Tatsächlich eines der interessantesten Alben des Jahres. Gleich mal reinhören, ne:

Swim by Caribouband

Und diese Konzerte besser nicht verpassen:

27.04. München, Feierwerk
28.04. Berlin, Berghain
29.04. Hamburg, Prinzenbar

Dan Le Sac Vs. Scroobius Pip – The Logic Of Chance

Mit nur einem einzigen Song bzw. Video hat das UK-Duo 2006/2007 für einen Riesen-Buzz gesorgt. „Thou Shalt Always Kill“ war eines dieser seltenen Videos, in denen die Bilder den Text illustrieren, ohne dass das irgendwie platt oder langweilig oder peinlich rüber kommt. Im Gegenteil, als ich auf das Video gestoßen bin, war ich erst einmal für circa eine Stunde nicht mehr ansprechbar, da fasziniert. Ähnlich atemlos und ungebremst wie ein Eddie Argos auf Speed (geht das überhaupt?) rechnet Scroobius Pip, der Rapper oder besser Spoken-Word-Artist mit diesem eindrucksvollen Bin-Laden-Bart, mit der gesamten britischen (Pop-)Kultur ab.

So schön das war, so mittelmäßig ist „The Logic Of Chance„. Dan Le Sacs hausgemachte Beats wechseln zwischen Drum ’n‘ Bass und Downtempo, bleiben immer so auf Bedroom-Producer-Niveau, also etwas raw und charmant, aber das zündet auf dem zweiten Album eben auch nicht mehr so richtig. Und wenn ein Track wie  „Get Better“ dann mal  ein wenig neue Farbe abbekommt, ein Casio-Elektro-Disco-Finish, dann entpuppen sich die Lyrics als ziemlich unoriginelle, ironiefreie Gutmenschen-Litanei. Dan Le Sac Vs. Scroobius Pip? Just a band.

Überzeugt hat mich eigentlich nur das old schoolige „Cauliflower“ – und das vor allem wegen der Gastvokalistin Kid A. Die singt hier nämlich ziemlich sexy.

Da höre ich mir doch lieber mal diese Alben an, die kommen auch heute in die Läden:

Black Rebel Motorcycle Club – „Beat The Devil’s Tattoo“

Crookers – „Tons Of Friends“

Drive-By Truckers – „The Big To-Do“

Eagle Seagull – „The Year of The How-To-Book“

The White Stripes – „Under Great White Northern Lights (Live-DVD/CD)“

Agoria – „Balance 16“

Gorillaz – Plastic Beach

Ein einminütiges Ozean-Atmo- & Orchester-Intro und dann nuschelt auch schon Snoop Dogg verschwörerisch „Welcome To The World Of The Plastic Beach“. Hier nimmt noch jemand das Albumformat ernst und hat sich ein bis zwei Gedanken zu Aufbau und Dramaturgie gemacht. Damon Albarn begrüßt viel Prominenz auf seinem privaten „Plastic Beach“ – „ein gigantisches Kontrollzentrum, das am Point Nemo inmitten des Südpazifiks auf einem großen Müllberg schwimmt“, so die Info. Jetzt üben die niedlichen Comic-Figuren auch noch Zivilisationskritik.

Zurück zu Snoop Dogg: Zu seinem sanften Flow flirren Streicher. In Filmen passiert in solchen Momenten immer in den nächsten Sekunden etwas Schreckliches und Zartbesaitete schauen präventiv schon mal weg. Hier besser nicht weghören, sonst verpasst man funky Beats, pluckernden Bass und quäkende Schweineorgel. „White Flag“ beginnt als so eine Art Dschungelbuch-Soundtrack, entscheidet sich zum Glück aber ziemlich bald für wicked UK-HipHop/Grime mit Kano am Mic. Wenn Albarn selber sprechsingt, klingt der Arme immer ein wenig gelangweilt. Dafür borgen sich die Gorillaz diesmal gerne ein bisschen lustigen Ethno-Elektro-Mayhem, wie ihn M.I.A., Ebony Bones oder Santigold auf die Hipster-Agenda gesetzt haben.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Songs nur als Begleitung zu einem Film oder einer Live-Show mit Visuals geschrieben sind, dass also eine wichtige Komponente fehlt. Oder um es etwas deutlicher zu sagen: Ein paar Songs sind als reines Audiovergnügen eher langweilig, da kann Bobby Womack in „Stylo“ noch so leidenschaftlich knödeln. Bruce Willis spielt halt nur im Video mit. Die zweite Hälfte des Albums macht entschieden mehr Spaß: Crispe leise Beats, Elektroides im Legowelt-Style, Mark E. Smith (The Fall) als ungewohnt wortkarger Stichwortgeber eingeschnürt in ein Korsett aus stolpernden Rhythmen und knarzigen Synthies, Lou Reed mit top notch Beats, Albarn selbstverloren drüben „On Melancholy Hill“ oder tricky Gescratche für einen gut aufgelegten Mos Def.

Die Band, die es nicht gibt, ist eine der erfolgreichsten überhaupt – und wird es auch bleiben. For shizzle.

(erscheint am 5. 3. via Parlophone/EMI)

LoneLady – Nerve Up

Warum der Infotext versucht, Julie Campbell eine eigenartig toughe Street Credibility anzudichten, verstehe ich nicht. Man muss die junge Dame aus Manchester nicht in die Nähe „abgefuckter Bars“, „stinkender Kanäle“ oder „schmieriger Bordelle“ schreiben. Das hat sie mit diesem Debütalbum überhaupt nicht nötig.

Beim ersten Blick auf die rote Kurzhaarmähne könnte man für einen Sekundenbruchteil an La Rouxs Elly denken, erkennt dann aber schnell den Unterschied: Die burschikose LoneLady hat eben keine überstylte Tolle wie die glossy 80er-Plagiatorin, sondern präsentiert sich gekonnt unfrisiert. Und dieses unprätentiöse Auftreten schlägt sich auch in ihrer Musik nieder.

Nerve Up“ ist so ziemlich das Gegenteil von glossy. Eher das zickige No-Wave-Debüt, das ziemlich konsequent dem Minimalismus huldigt und sich die Kunst des Weglassens bei ESG abgekuckt hat. Also spröder, trockener (Punk-)Funk, von Drummer Andrew Cheetham mit nicht zu virtuosem Spiel versorgt. Doch mit ein paar Handclaps und etwas Klingeling entwickelt sich beinahe so etwas wie Indie-R&B. Wenn dann noch die Gitarren-Splitter, die Inspiral-Carpets-Gedächtnis-Orgel und manchmal die in Manchester wohl unvermeidliche Joy-Division-Schwere dazu kommen, kann man sich der Faszination dieses Kleinods kaum mehr entziehen. Was mich zuerst irritiert hat: Julie quäkt bisweilen wie Alanis Morissette oder Dolores O’Riordan von den Cranberries („Zombie“). Man kann auch – ich glaube, in der Spex hatte ich das gelesen – Parallelen zu Michael Stipe (R.E.M.) ziehen. Hat man sich aber erst einmal an die Stimme gewöhnt, erschließt sich einem ein Album, das in der Bugwelle von The XX surft, aber weniger Coolness zur Schau stellt, statt dessen ganz angenehmen Singer/Songwriter-Charakter aufweist und – wie schon erwähnt – in einer niedlich punkigen Weise bei R&B andockt.

(erscheint am 26. 2. via WARP/Rough Trade)

Ein Schnelldurchlauf

Im Februar läuft die Veröffentlichungsmaschinerie nach der Winterpause wieder voll an: Der vergangene Freitag bescherte uns so viele neue Releases, dass ich nicht alle einzeln besprechen kann. Deswegen fasse ich einfach mal ein paar in einem Post zusammen.

Die großen Namen zuerst: Blur und die Pet Shop Boys setzen auf Bewegtbild. „No Distance Left To Run“ (Parlophone/EMI) ist ein Doppel-DVD-Set mit einer Doku zu den Reunion-Konzerten und einem zweistündigen Mitschnitt des Konzerts im Hyde Park im Sommer 2009. „She’s So High“, „There’s No Other Way“, „Girls & Boys“, „Parklife“ oder „Song 2“ – Damon & Co. spielen all die alten Hits. Auch wenn die Pet Shop Boys immer noch kontinuierlich ein Album nach dem anderen raushauen und deswegen eigentlich genug neue Songs in petto haben. In der Londoner O2-Arena griffen sie Ende 2009 dann doch wieder auf „Go West“, „New York City Boy“, „Suburbia“, „It’s A Sin“, „Being Boring“ oder „West End Girls“ zurück: „Pandemonium“ (Parlophone/EMI) kommt als DVD plus CD.

So ein bisschen besinnlich startet „Mavis“ (!K7/Alive). Mavis ist das Projekt von Ashley Beedle und Darren Morris. Es heißt so, weil die beiden Mavis Staples total verfallen sind und unter dem Einfluss der Musik der Soul-Sängerin anfingen, eigene Ideen auszuarbeiten. Das so entstandene Instrumental schickten sie u. a. Kurt Wagner (Lambchop), Ed Harcourt, Cerys Matthews. Von deren Gesang ließen sich Beedle & Morris inspirieren und bauten um die Gesangspuren neue Songs. So kam nach und nach ein Album zu Stande, das einen extrem entspannten Soul-Vibe transportiert.

Field Music (Measure)“ (Memphis Industries-PIAS/RTD) von Field Music zitiert Fleetwood Mac, Roxy Music und andere Rock-Größen aus den 60ern und 70ern. In meiner Jugend hätte ich für dieses Album wahrscheinlich nur Verachtung übrig gehabt. Viel zu sauber, zu elaboriert. Dass mir das heute gefällt, liegt wohl daran, dass ich nicht mehr zwischen cool und uncool unterscheide. Selbst wenn die Brewis-Brüder sich zwischendurch mal vergaloppieren, oft finden sie himmlische Harmonien, angemessen zickige Post-Rock-Bandwürmer und spröden Wave-Funk.

Lightspeed Champion ‚Life Is Sweet! Nice To Meet You‘ by DominoRecordCo

Life Is Sweet! Nice To Meet You“ (Domino/Indigo) von Lightspeed Champion kannst Du Dir im schicken Soundcloud-Player anhören. Kein Dance-Punk wie früher bei seinen Test Icicles, nein, solo probiert Herr Hynes einfach mal alles aus: Folk und Kammer-Pop, Ukulele und bedeutungsschwangere Gitarrenakkorde. Gar nicht so weit davon entfernt ist übrigens Florian Horwaths „Speak To Me Now“ (Stereo Deluxe/Edel). Im direkten Vergleich, also wenn man die beiden Alben nacheinander hört, wirkt Horwath aber blasser und glatter.

Und dann das: Peter Gabriel. Ein alter Mann wird kurz vor der Rente sentimental und erinnert sich an bessere Tage, bereitet Lieblingshits als Orchesterschmonz auf. Halt, stopp! Stimmt gar nicht: Peter Gabriel verließ Genesis zum richtigen Zeitpunkt und beweist auch hier Geschmack. Er nimmt sich Songs von David Bowie, Radiohead, Arcade Fire, Elbow, Bon Iver und anderen Musikern vor, die teilweise nicht mal halb so alt sind wie er. Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag überrascht er auf „Scratch My Back“ (Real World/EMI) mit einfühlsamen Coverversionen.

I Am Kloot fand ich zu „Natural History„-Zeiten echt toll. 2001 traten sie zusammen mit Elbow auf und der kleine Johnny Bramwell war großartig. In den letzten Jahren habe ich nicht mehr so aufmerksam verfolgt, was die Briten treiben. Die Doppel-CD „B“ (Skinny Dog-PIAS/RTD) hält aber eine Menge B-Seiten, Raritäten und bisher unveröffentlichte Tracks bereit, deren Songwriting sofort gefällt.

intermedium records hat sich auf Hörspiele und Medienkunst spezialisiert. Die Veröffentlichungen sind oft spannend anzuhören, manchmal aber einfach nur anstrengend. „One From In The Room“ steht irgendwo dazwischen: Der koreanische Künstler Sung Hwan Kim erzählt aus seinem Leben und seinen Träumen, da er aber weiß, dass das alleine schnell langweilen kann, ließ er den Musiker dogr (David Michael DiGregorio) Musik, Geräusche und Effekte über Stimme und Gesänge legen.