Bye-bye Spotify

Hey Spotify,

voll nett von Dir, dass Du uns alle mit Unmengen von Musik versorgst, ohne dass wir dafür Geld bezahlen müssen. Meldet man sich halt mit seinem Facebook-Account an und gibt ein paar Infos von sich preis. Fairer Deal. Der Trend geht eh zum ausschließlich für solche Zwecke angelegten Zweit-Account.

Auch dass Du, Spotify, seit Deinem Deutschland-Start meinen Facebook-Ticker mit Meldungen überschwemmst… Geschenkt. Dadurch habe ich immerhin erfahren, dass der sonst sehr geschmackssicher auftretende, immer nur die am aufwendigsten inszenierten Videos der unbekanntesten Acts postende XXXX heute etliche Songs von Madonna und Deichkind gehört hat. Freue mich schon auf seine gewiss wortreichen Erklärungsversuche, wenn ich das Thema demnächst zur Sprache bringe.

Aber ein Programm, das ich erst gestern auf meinen Rechner (ein)geladen habe, sollte ein gewisses Maß an Höflichkeit an den Tag legen. Weißt Du, wir kennen uns noch nicht so gut, Spotify. Und deswegen weiß ich nicht genau, ob ich Dir wirklich vertrauen kann. Bevor Du also an mein Plattenregal gehst bzw. meine iTunes-Library durchstöberst, solltest Du mich wenigstens kurz um Erlaubnis fragen. Du bist schließlich nur zu Gast hier. Und das wahrscheinlich nicht mehr lange. Bye-bye, Spotify!

Best Of 2011

Jamie xx Essential Mix by Young Turks

Bisher listete ich kurz vor Silvester die Alben oder Tracks auf, die ich in dem jeweiligen Jahr am häufigsten gehört hatte, gut fand oder denen ich eine so große Relevanz beimaß, dass sie unbedingt erwähnt werden mussten. 2008 zum Beispiel, 2009 als Countdown in zehn Akten, 2010 getrennt nach Alben und Tracks. Bei der Auswahl vertraute ich auf (jetzt dreh ich den Swag auf) meinen vorzüglichen Geschmack, mein umfangreiches, über viele Jahre hart erarbeitetes, beinahe enzyklopädisches Wissen im Bereich populärer Musik, mein dadurch geschärftes und natürlich untrügliches Gespür für Trends, meinen iTunes-Wiedergabezähler und den einen oder anderen Zufall.

Dieses Jahr ist alles anders. Mein Musikkonsum hat sich mittlerweile so stark verändert, dass ich keine solchen Listen mehr zusammenstellen mag. Alben höre ich kaum noch, nur noch wenig läuft über die eigene Festplatte und iTunes. Natürlich habe ich auch schon in den letzten Jahren viel auf Youtube, Last.fm, Hype Machine und sonstwo im Netz gehört. Aber es gab tatsächlich immer noch ein paar Alben oder einzelne Songs, die ich immer mal wieder rauskramte oder anklickte und die deswegen einen bleibenden Eindruck hinterließen.

2011 war das nicht mehr der Fall. Natürlich haben mich SBTRKT, Ghostpoet, Azealia Banks, A$AP Rocky, Grimes, Little Dragon, Zomby, Destroyer, Dum Dum Girls, Wu Lyf, kurz auch Lana Del Rey, Battles, OFWGKTA, John Maus, Gil Scott-Heron & Jamie XX, Frankie & The Heartstrings, 2562, EMA, Tennis, Apparat, Summer Camp, Kanye West & Jay-Z u. v. a. begeistert. Aber nicht nachhaltig: Gehört, geliebt, weitergezogen, immer auf der Suche nach Neuem.

Und dafür gab es 2011 eigentlich nur eine Adresse… Zwar habe ich neue Apps wie wahwah.fm getestet und viel Zeit auf den oben genannten Seiten verbracht, aber die interessantesten Entdeckungen habe ich dieses Jahr definitiv auf SoundCloud gemacht. Während die meisten MySpace-Accounts kaum mehr aktualisiert werden, sind alle (für mich) wichtigen Artists auf SoundCloud vertreten – und posten dort auch regelmäßig neue Tracks, DJ-Sets (siehe oben) oder gleich ganze Alben. Die aufgeräumten Profilseiten sind, gerade weil sie sich nicht nach Belieben customizen lassen, deutlich schicker als die gerne geschmacklosen visuellen Attacken bei MySpace. So steht endlich wieder die Musik im Mittelpunkt. Außerdem lässt sich der SoundCloud-Player überall einbetten. Kein Wunder, dass viele Labels SoundCloud als Promo-Tool einsetzen. Ich bin Fan. Zumindest für den Moment: Meta-Dienste wie musicplayr stehen schon in den Startlöchern. Mit einer solchen Plattform kann man der Zerfaserung des Musikkonsums entgegenwirken. Der Player spielt Songs aus Quellen wie Youtube, SoundCloud oder Vimeo ab – quasi eine zentrale Sammelstelle für Musik aus dem Netz.

Mein neues Lieblingsgenre: 45house

House ist mir, wenn nicht ein Präfix wie Tech- oder Acid- davor steht, in dem meisten Fällen entschieden zu cheesy. Aber wenn man – wie ein DJ aus Boston das macht – House-Tracks einfach etwas schneller abspielt, dann mag auch ich das. Also: Den Pitch-Regler so lange hoch schieben, bis sich der (virtuelle) Plattenteller mit 45 statt 33 rpm dreht und schon hat man ein neues Genre kreiert: 45house. Lässt sich prima mit Jungle/Drum’n’Bass mixen. Love it:

45house-meets-jungle-meets-??? mix June 2011 by DevNull-DJ

Showtime

420 Song-Intros in 60 Minuten – und das ist erst der Anfang: Soulwax präsentieren in den nächsten Wochen auf ihrer Website 24 einstündige radioähnliche Shows. Die erste Folge „Introversy“ ist schon online, mit dem eingangs erwähnten halsbrecherischen Mix, begleitet von Visuals, die an etwas zu albern geratene Monty-Python-Animationen erinnern. Weitere Shows folgen am Montag, 4. Juli. Da sollen gleich sechs hintereinander gesendet werden, danach immer eine pro Woche. Damit man auch wirklich keine einzige Folge verpasst, lädt man sich am besten gleich die „RadioSoulwax“-App runter und bekommt dann jeweils eine Push-Benachrichtigung, wenn wieder was on air geht.

Part Time Punks

Konrad Kuhn (hier rechts im Bild – der Herr links hat mit diesem Post überhaupt nichts zu tun. Ausgeliehen habe ich das Bild übrigens hier. Danke dafür!) schickt in schöner Regelmäßigkeit seine Mixe durch. Ich kenne Konrad zwar schon ein paar Jahre, trotzdem weiß ich nicht so viel über ihn, dass nicht genug Raum für Spekulationen bleiben würde. Heute behaupte ich einfach mal: Konrad ist gut organisiert, überaus ordentlich und denkt mehr nach als die meisten anderen DJs. Denn seine Mixe bekommen immer eine thematische Klammer verpasst. Diesmal reiht er unter der Headline „There Is No Such Thing As A Society“ 23 Proto- und Post-Punk-Perlen (sorry, aber diese Alliteration wollte ich mir nicht entgehen lassen) aneinander – u. a. einen meiner All-Time-Faves: „Part Time Punks“ von den TV Personalities. Und er macht sich die Mühe, immer die komplette Playlist abzutippen. Vorbildlich.

There Is No Such Thing As A Society by Konrad Kuhn

Große Welt, kleine Welt

Wenn alle bisher veröffentlichte Musik immer und überall verfügbar ist, und gleichzeitig die Digitalisierung eine (weitgehende) Demokratisierung der Musikproduktion ermöglicht, dann kann auch in allen Ecken der Welt an einer Weiterentwicklung elektronischer Musik gearbeitet werden, ohne dass man über einen Offline-Zugang zu bestimmten, gerne lokal begrenzten Subkulturen verfügen muss. Umgekehrt können die oft fernab (bislang in der Popkultur) tonangebender Metropolen produzierten Tracks schnell wieder rausgeschickt und weltweit wahrgenommen werden. Während der letzten Jahre hat sich in den entlegensten Spots Tanzmusik entwickelt, die trotz eines globalen Musikgedächtnisses durchaus regionale Eigenheiten aufweist.

Die Veranstaltung „Radical Riddims – Global Ghetto Tech“ bringt am kommenden Wochenende alle diese fein ausdifferenzierten Subgenres zusammen: Baile Funk aus Brasilien, UK Funky und Bassline, ja, auch Dubstep, Chicago Juke, Kuduro, Kwaito, Miami Bass, …
Spoek Mathambo, Sissy Nobby, MC Rodney P, Daniel Haaksman u. v. a. machen im Ritter Butzke Party. Vorträge und Filme in der Galerie Schau Fenster nähern sich dem Ganzen von der theoretischen Seite. Freitag um 19 Uhr geht es los, das komplette Programm steht hier.

Seit heute bin ich Fan von Mount Kimbie

Mount Kimbie „Before I Move Off“ ((OFFICIAL VIDEO)) from Mount Kimbie on Vimeo.

Ganz ehrlich: Bis gestern hatte ich mich noch nicht intensiv genug mit Mount Kimbie beschäftigt, um mehr als zwei Sätze über sie sagen zu können. Etwas wie: „Mount Kimbie kommen aus London und machen schöne Musik, die an Dubstep erinnert, sich aber nicht auf dieses eine Genre beschränkt und deswegen auch nicht als solcher bezeichnet werden darf. Auf dem Cover ihres 2010 erschienenen Albums ist die Rückseite einer nicht richtig schlanken Frau in roten Klamotten zu sehen.“

Wie das halt so ist, wenn man jeden Monat kurz in 50 bis 100 Alben reinhört, ein paar davon bespricht und den Rest schnell vergisst. Da bleibt wenig Zeit, Fan einer Band oder eines Acts zu werden, eines oder gar mehrere Alben eines Künstlers wieder und wieder zu hören. Dass es ab und zu trotzdem jemand schafft, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dass man in einer ruhigen Stunde wieder darauf zurückgreift, ist fast schon ein Wunder. Und zeigt, wie wichtig Musik ist.

Mount Kimbie haben es mit ihrem gestrigen Gig im Icon geschafft, dass ich in Zukunft öfter ein paar Tracks von ihnen anhören werde. Weil sie – tief über ihre Rechner gebeugt – ziemlich mächtige Bollerbässe in das Icon-Gewölbe rausgehauen haben. Eine 2011er-Version von Shoegazing, die aber überhaupt nicht mehr zerbrechlich klingt. Die Beats kamen mal gerade und technoid aus den Boxen, mal dubsteppig, oft aber in dem Bereich dazwischen, der sich jeder Kategorisierung entzieht. Dazu angenehm unprätentiöses Auftreten, etwas Live-Drumming und variantenreiche Loops und viele Sound-Spielereien. Hat mich überzeugt und jetzt schaue ich mir gleich noch einmal das Video zu „Before I Move Off“ an (mit geschätzten 1000 Bildern pro Minute).

Utopia Ltd.

Unbedingt anschauen: Sandra Trostels Regiedebüt „Utopia Ltd.“ – eine Doku über die Hamburger Band 1000 Robota. Läuft für kurze Zeit in einigen deutschen Kinos (Termine hier) und lohnt sich schon allein deswegen, weil 1000-Robota-Frontmann Anton Spielmann so bedingungslos überzeugt von sich und seinem Größenwahn ist, wie man das nur in einem kurzen Zeitfenster zwischen Pubertät und Erwachsen werden sein kann. Ein großer Glücksfall für Sandra Trostel, dass sie die Band genau während dieser Jahre begleitete. Was diesen Film von vielen anderen Band-Dokus unterscheidet: Es geht nicht nur darum ein bisschen Bonus-Material für eine Live-DVD zu liefern, sondern da verfolgte jemand (die Regisseurin) eine Idee. Da sollte nicht nur der Werdegang irgendeiner Band dokumentiert werden, sondern gleichzeitig ein etwas größeres Ganzes nachgezeichnet oder transparent gemacht werden: die Mechanismen des Musik-Business. Und natürlich auch die Entwicklung dreier sehr junger Menschen.