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Warum kein Journalist Twitter ignorieren darf

In meinem Freundeskreis stoße ich immer noch und immer wieder auf große Skepsis, wenn ich mich als Twitter-User zu erkennen gebe. Das ist nicht weiter verwunderlich, bei Handy, Internet-Zugang via ISDN- und später DSL-Anschluss, WLAN, Xing, Facebook usw. waren zuerst auch die Zweifler in der Mehrheit – heute haben/benutzen alle diese Geräte, Technologien oder Plattformen.

Twitter hat – anders als Facebook – die kritische Masse aber noch nicht überschritten (es gibt in Deutschland nur knapp 300 000 aktive Twitter-User), auch nicht unter den mir bekannten Journalisten. Warum aber gerade diese sich schnellstens mit diesem neuen Nachrichtenmedium (denn nichts anderes ist Twitter) anfreunden sollten, erklärt Dirk von Gehlen, der Redaktionsleiter von jetzt.de, ebendort in dem Artikel „Sie werden diesen Prozess nicht stoppen„. Ein Auszug:

„Denn während es in Deutschland zur Banalität der Twitter-Nutzer, die peinliche Banalitäten verbreiten (sogenannte Oversharer), medienphilosophische Debatten gab, hat sich der Dienst auf einer dritten Ebene (neben der Leitfrage und der jetzt erweiterten Technik) verändert: Dadurch, dass zahlreiche bekannte Menschen, die etwas zu sagen haben (Journalisten, Wissenschaftler, Musiker und auch Stars und Sternchen) Twitter nutzen, um relevante kurze Hinweise zu verbreiten, hat sich ein eigenes Twitter-Universum entwickelt, das mit den belanglosen Alltagsbefindlichkeiten der Oversharer wenig gemein hat. Viele Menschen nutzen den Dienst also mittlerweile nur lesend wie eine kostenfreie Presseschau, die sie auf ihre individuellen Interessen zuschneiden.“

Bright und Berlin

Klarer Vorteil von Zeitschriften im Vergleich zu Tradeshows: Man hat länger was davon. Bis in einem halben Jahr die nächste Bright ihre Türen öffnet, kann man also immer mal wieder in dem schönen Mag blättern, für das ich einige Berliner interviewt und porträtiert habe (ab Seite 31). Ein Klick auf die Publikation  und schon bist Du im Fullscreen-Modus.

Eine kleine Heftkritik

Der Bunkverlag war mit seinem U_mag nicht mehr zufrieden. Die Hamburger hatten nicht nur so ein kleines Problemchen mit dem Layout oder den Inhalten, das man redaktions- oder wenigstens verlagsintern hätte hinbiegen können. Nein, „Das Magazin der Popkultur und Gegenwart“ (so der bisherige etwas bemühte und gleichzeitig recht sinnlose Untertitel, der zum Glück gestrichen wurde) war offenbar in solch eine Krise geraten, dass Jung von Matt/Elbe das Heft komplett umkrempeln durfte/musste.

Doch wie merkt der potenzielle Leser denn überhaupt, dass aus dem U_mag jetzt ein uMag geworden ist? Ein Teil der PR-Kampagne setzt auf die publizistische Macht der – gibt es eigentlich ein anderes Wort dafür? – Blogosphäre. Die Pressebeauftragte des Verlags lud mehr oder wenig sorgfältig ausgewählte Blogger ein, sich mit dem neuen Heft auseinander zu setzen. Jeder Blogger bekommt ein Pre-Relaunch-Heft und die neu eingekleidete Ausgabe, vergleicht, bewertet, analysiert und polemisiert. Im Gegenzug stellt das uMag auf seiner Website die teilnehmenden Blogs vor. PR gegen PR, eine Hand wäscht die andere. Da mir aber dadurch keinerlei Vorteile entstehen und das Anschreiben sehr freundlich formuliert war, habe ich mich mal darauf eingelassen. Also los:

Jung von Matt hatten viel zu tun, konnten gleichzeitig aber nicht viel falsch machen, denn vor dem Relaunch war: Das Layout viel zu brav, das Logo voll 90’s, liefen alle langen Storys in zweispaltigem Blocksatz durch. Weit und breit keine Elemente, an denen das Auge hängen bleibt, nur dröge Zwischenüberschriften und biedere Bildchen. Keine Illus, die Fotos dann auch noch in ein strenges Raster gequetscht – das mag zwar effizient sein, sieht aber nicht gut aus und fesselt den Leser keine zwei Minuten. Nicht mal der Inhalt konnte überzeugen: Die in der 01 + 02/2010 gefeatureten Musikstorys – da bin ich so gut informiert, dass ich mir ein Urteil erlaube – waren zwar okay, aber letztendlich nur die großen Konsensthemen für den Indie-Mainstream: Adam Green, Tocotronic, Vampire Weekend. Wie in der Januar/Februar-Ausgabe jeder anderen Musik-, Frauen- oder Lifestyle-Zeitschrift. Immerhin größtenteils gut geschrieben. Aber Tocotronic sprechen ja auch in Headlines. Etwas origineller dafür die Auswahl der CDs im Rezensionsteil: Einige der Alben (30 Seconds To Mars, Devendra Banhart, The Rumble Strips) hätten ein bis drei Monate früher besprochen werden müssen. Aktualität scheint hier nicht oberste Priorität zu haben.

Insgesamt fehlte dem Mag ein ausreichend scharfes Profil. Wo waren die überraschenden Entdeckungen, der eigene Blickwinkel, die interessanten Persönlichkeiten? Eine Story über Künstler, die Häuser besetzen, half da auch nicht weiter. Schnell weg damit und das neue Heft zur Hand nehmen.

Etwas kleineres Format, deutlich dicker (bei ähnlicher Seitenzahl) und 80 Cent teurer (3,30 statt 2,50 Euro) – ob das Konzept aufgeht? Neu ist das riesengroße Logo. Ob sich die Redaktion darüber nicht bald ärgern wird? Dieses umrandete U ist zu dominant und wird viele schöne Bildmotive unsanft zerhauen. Die Headline ist leider absolut nichtssagend, die Blood Red Shoes eigentlich ein nettes Thema, als Aufmacher aber nicht populär genug und somit eine Fehlbesetzung. Was sonst noch im Heft passiert, erfährt man nur, wenn man eine Lupe zur Hand nimmt. Nebenbei noch ein Tipp, den mir mal ein alter Vertriebshaudegen von Gruner + Jahr gegeben hat: Den Titel nach Möglichkeit so gestalten, dass oben links ein paar wichtige Informationen zu sehen sind, denn der Rest des Covers ist verdeckt, wenn das Heft im Kioskregal steht. Diese Vorgabe wird hier nicht so ganz erfüllt…

Der Umschlag wirkt wertiger als bisher, das graue Papier im Recycling-Style soll wahrscheinlich Nachhaltigkeit vermitteln, sorgt aber auch dafür, dass die Fotos teilweise ziemlich absumpfen. Optisch passiert deutlich mehr. Hier hat die Agentur einen guten Job gemacht, wenn auch hier und da noch etwas nachjustiert werden muss: Manche Seiten wirken überladen, anderen gehen zu verschwenderisch mit der Fläche um. Eine Bitte an die Redakteure: Der Grafik nie freie Hand lassen. Einer muss dem Art Director immer über die Schulter schauen und um jeden Quadratmillimeter Text kämpfen. Martenstein hat das Problem in einer seiner Kolumnen vor ein paar Jahren ziemlich treffend beschrieben.

Der Themenmix ist diesmal deutlich besser gelungen. Die Ausrichtung auf Personen oder „Protagonisten der jungen Szene und Alternativkultur“ (so steht es im Konzept zum Relaunch) gefällt mir gut. Macht zwar mittlerweile auch jeder. Wenn man die richtigen People entdeckt, kann man trotzdem zum Lesen animieren. Mehr kurze Features auf der einen Seite, lange Interviews auf der anderen Seite und generell mehr Meinung – das ist die richtige Richtung. Auch wenn eine Monatszeitschrift den Online-Magazinen und der Tagespresse leider immer ein paar Wochen hinterher hinkt. Die Househunting/Nudes-Fotostrecke hat in der – gibt es echt kein anderes Wort dafür? – Blogosphäre schon lange ihre Runden gedreht. Krawallbruder Patrick Mohr hat mit seinem Auftritt auf der Berliner Fashion Week Mitte/Ende Januar viel Aufmerksamkeit bekommen.

Was aber nicht geht: Die Schrift der BUs bzw. zweiten Infoebene ist entschieden zu klein. Ist das 4 p?!

Fazit: Well done. Der Relaunch war aber auch lange überfällig. Ein ganz grundsätzliches Problem ist und bleibt, dass die Zielgruppe („20 bis 39 {…}: Großstädter, lässig, gebildet, szenig und meinungsstark.“) vielleicht lieber online bleibt, Infos über die Blood Red Shoes usw. kostenlos im Feed Reader liest und die 3,30 Euro lieber für zwei bis drei neue Apps ausgibt. Das betrifft jedoch nicht nur das uMag sondern außer Auflagenwundern wie Neon oder LandLust auch alle anderen Zeitschriften. Um für die Zukunft etwas besser gerüstet zu sein, sollte die Website baldmöglichst eine ähnliche Runderneuerung erfahren wie das Heft. Sonst ist die Zielgruppe bald über alle virtuellen Berge.

Auf den Punkt gebracht

Der US-Journalist Christopher R. Weingarten über die Situation der Musikkritik in Zeiten von Twitter und sein eigenes Twitter-Projekt 1000TimesYes, für das er in diesem Jahr 1000 Alben rezensiert hat. Außerdem erläutert er, was ihm an dem Mikroblogging-Dienst alles nicht passt. Sehr unterhaltsam.

via

So ist das mit der Krise

„Journalismus ist kein Geschäftsmodell, keine Arbeitsstelle und keine Branche. Journalismus ist eine Aktivität. Sie wird es auch in Zukunft geben, weil sie eine gesellschaftliche Funktion hat. Die journalistischen Praktiken aber werden sich erheblich wandeln – und nicht mehr allein in der Hand von Berufsjournalisten liegen.“

Robert G. Picard (in der Übersetzung von David Pachali/rml) auf Carta

Die Zeitung der Zukunft?

Die New York Times hat den TimesReader 2.0 entwickelt und versucht so, ihre Inhalte auf die Rechner ihrer Kunden zu bringen. Aber warum klammern die New Yorker sich denn immer noch an das auf einem Bildschirm vollkommen unpraktische Layout einer Print-Zeitungsseite?

Einziger wirklicher Vorteil des Readers: Fehler im Kreuzworträtsel lassen sich ohne großen Aufwand korrigieren.

Matthias Schwenk hat in seinem Beitrag auf Carta auch ein paar Schwachpunkte ausgemacht, attestiert der Anwendung aber ein gewisses Potenzial.